CureVac GmbH

Der lange Weg zum Impfstoff

Der lange Weg zum Impfstoff

Unternehmensgründer brauchen meist einen langen Atem. Aber kaum irgendwo ist diese Tugend so sehr gefragt wie in der forschungsintensiven Pharma- und Biotechnologiebranche. Dr. Ingmar Hoerr, promovierter Biologe, hat sich davon nicht abhalten lassen. Seine Antriebsfeder: Eine Entdeckung, die so revolutionär ist, dass sie zunächst niemand ernst nahm.

Ende der Neunzigerjahre untersuchte Hoerr an der Universität Tübingen die Einsatz-möglichkeiten des Genmaterials DNA als Impfstoff gegen Krebs. Einigen seiner Labormäuse spritzte er, ursprünglich nur zu Kontrollzwecken, die kleine Schwester der DNA, die Boten- bzw. Messenger-RNA.

Kein Forscher setzte zu dieser Zeit auf dieses instabile Zwischenprodukt, dessen Aufgabe sich normalerweise darin erschöpft, DNA in ein Protein zu übersetzen. Was der Doktorand Hoerr aber beobachtete, ließ auf ein bislang unerkanntes Potenzial dieser Molekülgruppe schließen: Genau die Mäuse, denen die RNA geimpft wurde, zeigen eine besonders auffällige Immunantwort – also die gewünschte körpereigene Abwehrreaktion gegen Tumorzellen. Hoerr erntete zunächst nur Kopfschütteln bei seinen Kollegen, als er davon berichtete.

Erst nachdem auch weitere Forscher aus seiner Arbeitsgruppe das Experiment mit demselben Ergebnis wiederholten, ließen sich seine beiden Professoren endgültig überzeugen. In seiner Doktorarbeit verfolgte der damals 30-Jährige die therapeutischen Wirkungsmöglichkeiten von RNA weiter und gründete im Jahr 2000 mit zwei Laborkollegen das biopharmazeutische Unternehmen CureVac. Dessen Zielsetzung: Die bislang missachtete Molekülklasse zum Medikament zu machen.

Unglücklicherweise geriet die Gründung genau in die Zeit der platzenden New-Economy-Blase. Plötzlich wollte niemand mehr in Biotechnologie-unternehmen investieren. „Gerade die großen Investoren, die sich in der Branche auskennen, haben uns kleingeredet“, erinnert sich Hoerr. Mehr Glück hatte er bei fachlich weniger erfahrenen und damit unvoreingenommeneren Geldgebern. So gelang es ihm, insgesamt 2,7 Millionen Euro einschließlich öffentlicher Fördermittel einzuwerben.

Das reichte allerdings hinten und vorne nicht und so schuf sich CureVac ein zweites Standbein: Für Universitäten Pharma-und Biotech-Firmen produzierte das Unternehmen maßgeschneiderte RNA-Sequenzen, die für andere Forschungs-zwecke benötigt wurden. „Diese Phase hat uns in mehrfacher Weise genützt: Wir sind realistisch geworden, wir waren nah dran am Kunden und wir haben durch spezielle Kundenaufträge weitere Erfahrungen mit der RNA gesammelt“, erinnert sich der CureVac-Geschäftsführer, der in der Gründungsphase einen MBA-Abschluss machte und in seiner Masterarbeit den Geschäftsplan für CureVac entwickelte.

Den Befreiungsschlag für eine konzentrierte Forschung ohne Nebenerwerb brachte 2006 SAP-Gründer Dietmar Hopp, der über seine Beteiligungsfirma bis zum heutigen Tag insgesamt 145 Millionen Euro in das Unternehmen investierte. Kurze Zeit später gewann CureVac den Gründerwettbewerb der Wissensfabrik. Die Chance, mit hochrangigen CEOs ein Wochenende zu verbringen, lasse sich in Geld gar nicht messen, findet Hoerr.

„Es war unglaublich beeindruckend, diese Persönlichkeiten zu erleben, die eine enorme Verantwortung tragen.“ Kein bisschen abgehoben seien die Gespräche gewesen: „Die haben sich mit Haut und Haar auf uns eingelassen.“ Der Austausch mit anderen Gründern war dazu die ideale Ergänzung: „Jeder mit einer ganz anderen Geschäftsidee, aber alle auf gleicher Augenhöhe.“

Ingmar Hoerr blieb der Wissensfabrik verbunden, wurde mit CureVac Mitglied und war inzwischen zwei Mal als Juror an der Auswahl der WECONOMY-Gewinner beteiligt. Auch mit seinem Mentor, dem Mitgründer der Beratungsgesellschaft A.T. Kearney, pflegt er weiterhin Kontakt: „Er ist für mich ein echter persönlicher Strategiecoach geworden – wir treffen uns regelmäßig in losen Abständen.“

Heute ist sein Unternehmen CureVac weltweit führend in der Entwicklung von mRNA-Impfstoffen, es hat in Tübingen und Frankfurt am Main insgesamt 100 Mitarbeiter und Ingmar Hoerr ist sich sicherer denn je: „RNA ist eine Molekülklasse mit einem unglaublichen Potenzial.“ Zugleich weiß er, dass sein Unternehmen zwölf Jahre nach der Gründung „gerade mal mitten drin“ ist.

Ein wichtiger Durchbruch gelang seinen Forscherteams 2011: In zwei Studien testeten sie die Dosierung und Verträglichkeit des RNA-Impfstoffs erstmals an Menschen. Die Ergebnisse stimmen ausgesprochen zuversichtlich: „Bei immerhin 79 Prozent der Prostatakrebs-Patienten konnten wir eine T-Zell-Immunantwort messen“, berichtet Hoerr. In einer zweiten Studie mit Lungenkrebs-Patienten ließen sich sogar bei 84 Prozent die Abwehrzellen aktivieren.

Eine weitere gute Nachricht: Die RNA-Therapie erweist sich als praktisch nebenwirkungsfrei – im Gegensatz zu der schon in den 90er Jahren erforschten DNA-Gentherapie, die zu schweren Nebenwirkungen führen kann. Jetzt stehen Langzeitstudien mit mehr Patienten an, die die erweckten Erwartungen rechtfertigen müssen. Aber nicht nur in der Tumor-Immuntherapie ist die RNA von Nutzen.

CureVac erforscht parallel den prophylaktischen Einsatz von RNA-Impfstoffen etwa bei Viruserkrankungen und hat hierfür eine 33-Millionen-US-Dollar-Kooperation mit dem Pharmakonzern Sanofi Pasteur und DARPA, einer Forschungseinrichtung des US-Verteidigungsministeriums, an Land gezogen.

Selbst wenn alles gut läuft, wird es noch mindestens rund acht weitere Jahre dauern bis die Tumor-Impfstoffe, an denen CureVac derzeit arbeitet, ausreichend getestet sind und eine Marktzulassung erhalten können. Am Ende, auch da macht Hoerr sich keine Illusionen, braucht er noch viel Geld. „Ein Medikament zu entwickeln, kann bis zu insgesamt einer Milliarde Euro kosten.“ Ohne starke Kooperationspartner wie Pharmaunternehmen, die den Großteil der Kosten in einer gemeinsamen Entwicklungskooperation tragen, wird das nicht gehen.

  • Sind Sie weiterhin die Einzigen, die an der Erprobung von RNA als Impfstoff arbeiten?

    Bis 2006 waren wir weltweit wohl die Einzigen, seitdem unsere Forschung mehr Aufmerksamkeit erfährt, arbeiten mittlerweile auch andere an unterschiedlichen mRNA-Impfstoff-Ansätzen. Immerhin konnten wir die lange Zeit der Nichtbeachtung nutzen, um mehr als 35 Patente einzureichen, die jetzt unsere Technologieführerschaft stützen. Ich sehe die Entwicklung eigentlich sehr positiv, dadurch bekommt das ganze mRNA-Feld ein neues Momentum und Aufmerksamkeit.

  • Der Pharmamarkt ist umkämpft – wie gewährleisten Sie, dass Ihr Unternehmen dauerhaft auch von der Wertschöpfung aus Ihrer Forschung profitiert?

    Darin sehe ich eine entscheidende Verantwortung in meiner Rolle als Geschäftsführer. Wenn wir eine Technologieplattform erschaffen und darauf Medikamente entwickeln, wollen wir das letztendlich auch kommerzialisieren. Das heißt für uns: Wir müssen unseren Innovationsvorsprung erhalten, weit in die Zukunft planen und dabei auch neue Innovationen generieren und patentieren. Denn Patente haben generell nur eine begrenzte Laufzeit, sind aber entscheidend für den späteren Produktlebenszyklus.

  • Welche Weichen stellen Sie derzeit, über die intensive Forschungsarbeit hinaus, in der Unternehmensentwicklung

    Der weitere Unternehmensaufbau steht nun im Mittelpunkt als effiziente Aufbau- und Ablauforganisation. Mir liegt besonders die Motivation und Verantwortungsübernahme aller Mitarbeiter am Herzen, um eine schlagkräftige Organisation zu schaffen, die alle kommenden Hürden in der Medikamentenentwicklung meistern kann.

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